Zu viele Menschen, aber zu wenige Kinder?
Quergedanken im Juni 2026 von Andreas Pecht
„Ihr seid schuld", frotzelt Freund Walter. Wie bitte? Wer ist „ihr" und woran schuld? „Ihr, die Boomer. Wegen euch gibt es in Deutschland jetzt zu viele Alte und zu wenige Kinder. Eure Eltern haben euch massenhaft in die Welt gesetzt, ihr habt ausschweifend die freie Liebe genossen, allerdings immer seltener, um Nachwuchs zu zeugen." Mein Konter: Und was ist mit euch, du vorgeblicher Postboomer, habt ihr die Geburtenrate etwa wieder in die Höhe getrieben? Ne, die ist bei euch und nachgeborenen Alterskohorten doch weiter gesunken.
Dies ist kein echter Streit zwischen uns, sondern ein öfter gepflegtes Spiel, das wohlfeile Argumentationsmuster aktueller Kontroversen ironisch nachäfft. Im vorliegenden Fall kommt u.a. noch Putins jüngste Kampagne zur Sprache, wonach fünf bis sieben Kinder je Russin ein beglückendes Ideal und nationale Pflicht seien. Oder Höckes Forderung, den Personalverlust durch die von seiner Partei angestrebte Remigration auszugleichen, indem die Deutschen ihre „eigene Reproduktionsaktivität maßgeblich erhöhen". Doch auch von den Flitzpiepen-Machos abgesehen hat das Thema Geburtenrate derzeit – mal wieder – Hochkonjunktur. Und zwar weltweit.
„Die Weltbevölkerung wächst zwar noch, aber fortschreitend langsamer als in den vergangenen Jahrzehnten." Diese UN-Meldung ist doch mal eine hoffnungsvolle Nachricht. Jedenfalls für mich, der ich mit den Alarmbegriffen „Bevölkerungsexplosion" und „Überbevölkerung" groß und alt geworden bin. Als ich 1955 geboren wurde, waren wir 2,5 Milliarden. Nur eine knappe Lebensspanne später sind wir mehr als dreimal so viele, 8,3 Milliarden. Und trotz sinkender Zuwachsrate werden es in kaum zwei Jahrzehnten 10 Milliarden sein. Viel zu viele! Andererseits mehren sich Schlagzeilen wie: „Wir bekommen zu wenige Kinder", „Geburtenrate sinkt ins Bodenlose", „Sterben die Deutschen aus?", „Stirbt die Menschheit aus?"
Tja, da stecken wir in einem Dilemma – zwischen Übervölkerung des Planeten und scheinbar zu wenigen Kindern in immer mehr Ländern. Klar, sinkende Kinderzahlen bringen Probleme mit sich: Mangel an Renteneinzahlern, Arbeitskräften, Konsumenten, an frischem Geist ... Weshalb vornehmlich die entwickelten Industrieländer immer wieder eine Menge Maßnahmen auflegen, mit denen die Geburtenrate in die Höhe getrieben werden soll. Allerdings erweist sich stets, dass diese Maßnahmen am Ende allesamt für die Katz sind. Selbst die großartigsten Familienförderprogramme ließen, egal in welchem Land, die Geburtenrate nur in bescheidenem Umfang und auch nur vorübergehend ansteigen.
China muss gerade erfahren, dass nach Aufhebung der Ein-Kind-Politik die Geburtenrate sich wider Erwarten nicht etwa erhöht, sondern anhaltend sinkt. Systematische Forschungen belegen weltweit einen schier naturgesetzlich wirkenden Mechanismus: Je ärmer und ungebildeter eine Bevölkerung, desto höher die Geburtenrate; je höher entwickelt ein Land und je stärker vor allem die familiäre, gesellschaftliche und wirtschaftliche Stellung der Frauen, umso niedriger die Geburtenrate. Davon mag man halten, was man will, aber so ist das Faktum. Und mit moralisierenden Schuldzuweisungen an irgendjemanden, gar an die Frauen, sollte man sehr, sehr vorsichtig sein – der Schuss geht fast immer nach hinten los.
Walter resümiert trocken: „Sollte die Menschheit untergehen, läge das gewiss nicht an einem bisschen Abbremsen ihres völlig verrückten Wachstums."
Der Autor im Internet: www.pecht.info