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Mittelrhein Musik Festival: pure Bürgerinitiative

Veranstaltungsreihe baut im 16. Jahrgang auf die Kraft ihres Freundeskreises – 18 Konzerte an 16 Spielstätten

Von Andreas Pecht

 

Vorstand der MMF-Freunde mit neuer Festivalleiterin v. l. n. r. : Klaus Schmidt, Ingeborg Henzler, Sonja Kitz, Birgit Hoernchen, Hans-Dieter Gassen, Carl-Bernhard von Heusinger

 

Vorstand der MMF-Freunde mit neuer Festivalleiterin v. l. n. r. : Klaus Schmidt, Ingeborg Henzler, Sonja Kitz,

Birgit Hoernchen, Hans-Dieter Gassen, Carl-Bernhard von Heusinger

 

 

Mancher Mittelrheiner hörte unlängst schon das Totenglöckchen läuten für das einst von Joachim Hofmann-Göttig als „Begleitmusik zum Welterbeantrag für das Mittelrheintal” bezeichnete Mittelrhein Musik Festival. Zerwürfnis in der Festivalleitung, Ausstieg der künstlerischen Leiterin, Unwägbarkeiten hinsichtlich der Trägerschaft durch die Koblenz-Touristik, Neuorientierung der langjährig dritten Festivalsäule Rheinische Philharmonie: Ja, es gab sie Ende 2015, die Augenblicke, da keiner mehr wusste, ob und wie es weitergehen soll. Doch haben die 2001 ins Leben gerufenen Mittelrhein Musik Momente (MMM), die nach dem Weggang von Gründungsintendant Rainer Neumann in Mittelrhein Musik Festival (MrMF) umbenannt wurden, in ihren 16 Lebensjahren manch schwierigen Umbruch überstanden. So auch diesmal.

 

Szenebeobachter, die schon den Sargdeckel über dem Festival schließen wollten, hatten mit einem Faktor nicht gerechnet: der noch immer wirkenden gut 250-jährigen Tradition bürgerschaftlichen Kulturengagements in Koblenz. Wie dereinst 1787 das Stadttheater, 1808 das Musik-Institut und die Casino-Gesellschaft, 1834 das Mittelrhein Museum, 1901 die erste Festhalle oder im späten 20. Jahrhundert Kulturfabrik und Koblenzer Jugendtheater – sie alle und viele mehr gehen weder auf fürstliche noch städtische, sondern auf zivilbürgerliche Initiativen zurück. Im Falle des in die Bredouille geratenen MrMF ist es dessen Freundeskreis, der sich mit Verve dem Absterben der Konzertreihe entgegenstemmt: Der Verein nimmt das Festival jetzt ganz in die eigenen Hände.

 

Just am Weltfrauentag bin ich zum Gespräch verabredet mit maßgeblichen Aktivistinnen der „Freunde des Mittelrhein Musik Festivals e.V.”, wie der Freundeskreis und diesjährige Träger des Festivals offiziell heißt. Am Tisch sitzen dessen stellvertretende Vorsitzende Ingeborg Henzler sowie die vom Vorstand mit Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beauftragte Biggi Hoernchen. Nicht leibhaftig, aber doch im Geiste dabei ist Sonja Kitz, die in kürzester Zeit als Festivalleiterin gewonnen werden konnte. Was ein Glückfall ist, denn die heute in Hamburg lebende Frau kennt sich bestens aus am Mittelrhein wie im großen Kulturbetrieb. Sie nämlich hatte während der BUGA Koblenz das Kulturprogramm für die Gartenschau und deren Umfeld organisiert. Von nun an wird Kitz jeweils wochenweise von der Elbe an den Rhein ziehen, um mit ihren Erfahrungen und Kontakten die Zukunft des Festivals zu sichern und zu gestalten.

 

Wie soll das gehen, Frau Henzler und Frau Hoernchen? Jeder weiß doch, dass eine solche Veranstaltungsreihe sich nie und nimmer bloß aus Eintrittsgeldern finanzieren lässt. Als 2001 der damalige rheinland-pfälzische Kulturstaatssekretär und Welterbebeauftragte Hofmann-Göttig mit dem seinerzeitigen Philharmonie-Intendant Neumann das Projekt MMM ausbaldowerte, stellten mit dem Land und dem Koblenzer Staatsorchester immerhin zwei potente Partner die Festivalbasis dar. „Wir schaffen das”, sagt Henzler in der ihr eigenen Art schmunzelnder Hintersinnigkeit, und Hoernchen ergänzt: „Weil uns alle Sponsoren treu geblieben sind, und weil die Sache mit spitzer Feder durchgerechnet ist”.

 

Wer hat da gerechnet? Der gesamte Vorstand um Vorsitzenden Hans-Dieter Gassen; also neben Ingeborg Henzler noch Finanzfachmann und Vereinsschatzmeister Klaus Schmidt sowie Jurist Carl-Bernhard Heusinger. Kitz gab der Kalkulation Flankenschutz mit kundigen Hinweisen, welche Künstler wann zu vertretbaren Preisen engagierbar sind und wer, wo, wie das meiste Publikum anlocken dürfte. Herausgekommen sind für diesen Sommer 18 Veranstaltungen unterschiedlicher Größe und Machart an 16 Locations im Welterbe Oberes Mittelrheintal sowie nördlich darüber hinaus.

 

Ein Drittel davon entfallen auf Koblenz, zwei Drittel auf das übrige Gebiet. Konzeptionell bleibt es auch unter der neuen Ägide beim Cross-Over-Prinzip, das schon zu Zeiten der Festivalleitungen Neumann und Frauke Bernds peu à peu Einzug hielt – das seit etlichen Jahren auch die benachbarten Giganten Rheingau Musik Festival sowie Mosel Musik Festival immer weiter wegführt von ihren Ursprüngen als reine Konzertreihen für klassische Musik.

 

13 Veranstaltungsorte sind altbewährt, 3 vom Mittelrhein Musik Festival noch nie bespielt worden. Zu den Neulingen gehört St. Peter in Sinzig, wo am 28. Mai Cappella Confluentes und Sopranistin Margriet Buchberger ein Vivaldi-Programm musizieren. Neu ist auch der Loreleyblick Maria Ruh oberhalb von St. Goar; dort entführen Schauspieler Rufus Beck und Tango Transit am 5. Juni in einen „Sommernachtstraum”. Dritter im Bunde der neuen Spielstätten ist Burg Sterrenberg, um die herum am 21. August eine Mitsing-Wanderung lockt. Zwei Schwergewichte markieren Anfang und Ende des Festivals. Das startet am 29. April in der Koblenzer Herz-Jesu-Kirche mit „Ich, Judas”, einem tief bewegenden Rezitationsprogramm mit Ben Becker aus der Feder John von Düffels und von Organist Andreas Sieling musikalisch gestaltet. Den Schlusspunkt setzen am 11. September Ute Lemper und Band in der Gießhalle des Industriedenkmals Sayner Hütte.

 

Zu den Hochkarätern zwischendrin zählen Klaus Doldinger und Passport. Deren Tournee „still loud” anlässlich Doldingers 80. Geburtstag macht am 13. Juli auf der Festung Ehrenbreitstein Station. Trotz veränderter Beteiligungsstruktur ist auch die Rheinische Philharmonie mit drei großen Konzerten und zwei kleineren ihrer Spezialensembles wieder dabei. Daneben gibt es Kooperationen mit der Villa Musica und dem Koblenz International Guitar Festival sowie regionalen Gesangsensembles. Man sieht dem Programm teils an, dass es unter erschwerten Bedingungen zustande gekommen ist, von einem Notprogramm kann indes keine Rede sein. Auch von einer ungewissen Zukunft für das Festival wollen Henzler und Hoernchen rein gar nichts wissen. „Jetzt ziehen wir 2016 ordentlich durch, die Programmplanungen für 2017 laufen bereits”, erklären die Damen. Ab dem nächsten Jahr soll dann eine noch zu gründende gemeinnützige Gmbh die Trägerfunktion übernehmen. Hat also das Mittelrhein Musik Festival eine Perspektive? Wenn‘s nach der Bürgerinnen-Power geht, ganz gewiss.

 

Infos: www.mittelrheinfestival.com

 



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