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Letzte Saison unter Stabführung von Daniel Raiskin

Chefdirigent der Rheinischen Philharmonie verlässt nach elf Spielzeiten Koblenz

Von Andreas Pecht


Intensiver Dirigent: Daniel Raiskin. Foto: Dariusz KuleszaIm Zentrum des klassischen Musikgeschehens am Mittelrhein stehen seit bald 210 Jahren zwei Komponenten, die beide in Koblenz ihren Ursprung und bis heute Heimstatt haben: Das anno 1808 gegründete Musik-Institut mit seiner seither (fast) alljährlich wiedergekehrten Reihe der Anrechtskonzerte, sowie das von diesem Institut damals ins Leben gerufene philharmonische Orchester in der Rhein-Mosel-Stadt, heute Staatsorchester Rheinische Philharmonie. Musik-Institut und Orchester entstammen demselben 1808er Zeugungsakt, und Letzteres wurde über etliche Generationen von Ersterem getragen. Zwar trennten sich beide im 20. Jahrhundert institutionell voneinander, doch die Verbundenheit als heimische Hauptsäulen des sinfonischen Konzertlebens am Ort hatte und hat weiter Bestand.


So sind die Anrechtskonzerte in der regelmäßig nahezu oder vollständig ausverkauften Rhein-Mosel-Halle ebenso regelmäßige Höhepunkte in den hiesigen Musikjahren. Zudem haben sich im Laufe von zwei Jahrhunderten, erst recht in den jüngeren Jahrzehnten die musikalischen Aktivitäten auf dem Feld der Klassik in Koblenz wie am gesamten Mittelrhein vervielfacht. Das Angebot an Chor- und Kammermusik ist beträchtlich. In den vergangenen 25 Jahren sind diverse Festivals in Stadt und Umgebung hinzugekommen, hat selbst manche Kleinstadt in der Nähe eigene Konzertreihen aufgelegt. Auch daran ist das Koblenzer Staatsorchester vielfach beteiligt.


Die Spielzeit 2015/16 begann jetzt mit dem ersten Anrechtskonzert des Musik-Instituts in besonders großer Besetzung: Die Rheinische Philharmonie erweitert um Musiker des Mainzer Staatsorchesters spielte unter dem Dirigat von Daniel Raiskin das 1. Klavierkonzert von Tschaikowski und Strawinskys umwerfendes „Le Sacre du Printemps”. Starker, gewichtiger Einstieg bei komplett ausverkaufter Halle in eine Saison, die eine Besonderheit hat: Es ist Raiskins Ausstandssaison, an deren Schluss im Sommer 2016 er sein Engagement als Chefdirigent des Koblenzer Orchesters auf eigenen Wunsch beendet. Elf Spielzeiten stand er dann an dessen Spitze, 12 Jahre war er mit ihm verbunden. (Gerne hätten wir an dieser Stelle den Nachfolger bekannt gegeben und vorgestellt. Aber bis zum Redaktionschluss war keine offizielle Auskunft zu erhalten. Land, Stadt und Intendanz hüllen sich noch in Schweigen.)


Wenn man in einigen Jahren mal auf die Ära Raiskin zurückblickt, was wird einem dann wohl als signifikant in Erinnerung kommen? Für mich zuvorderst ein Element, das nur sehr schwer greifbar, benennbar, beschreibbar ist: Raiskin hat sehr oft nicht nur die Musik dirigiert, sondern auch den Geist hinter den Noten. Der gebürtige Russe ist gewiss Gefühlsmensch, aber er ist zugleich im besten Sinne Intellektueller; einer der stets die historischen Hintergründe einer Komposition und die damit verbundenen persönlichen Lebensumstände ihres Komponisten mitdenkt. So boten/bieten seine Interpretationen vielfach zwei Ebenen: Hier den reinen Hörgenuss, da obendrein für den informierten Hörer viel sagende Verweise und Bezüge.


Die zweite Erinnerung beim Rückblick gilt Raiskins Programmgestaltung. Seine Vorgänger am Chefpult des Orchesters – Lockhart, Kluttig, Shao-Chia Lü – hatten natürlich ebenfalls immer wieder Werke der klassischen Moderne und der Moderne sowie Seltenheiten ins Programm genommen. Das gehört sich so. Überhaupt hat die Pflege jeweils neuer Musik auch junger und unbekannter Komponisten in Koblenz seit 1808 bei Musik-Institut und Orchester eigentlich ein festes Standbein. Allerdings gab es immer wieder Phasen, in denen das Publikum weniger zugänglich war für das Neue, Ungewohnte, bisweilen Sperrige. Gerade die späte zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war diesbezüglich in Koblenz nicht ganz einfach. Raiskins Zeit hier fiel indes in eine Phase der Veränderung, Öffnung, auch des Generationswechsels – und er wusste die Möglichkeiten, die sich da boten, zu nutzen und auszubauen. Bei einem Gespräch, das wir neulich miteinander führten, sagte er: „Was wir in dieser Zeit an Programm auflegten, wäre ein Jahrzehnt zuvor ohne spürbare Besucherverluste noch unmöglich gewesen.” Und tatsächlich ist es gelungen, die Hörerschaft in wachsendem Maße neugierig und zugänglich zu machen auch für Musiken abseits der klassischen Allzeit-Hits.


Raiskins Koblenzer Zeit fiel zugleich in eine Phase großer Unruhe. Als er hierher kam, ächzten die drei rheinland-pfälzischen Staatsorchester noch unter den Folgen der unseligen Orchesterstrukturreform. Koblenz hatte mit dem ineffektiven Umstand zu kämpfen, dass der hiesige Orchesterintendant parallel mit der Leitung des größeren Ludwigshafener Klangkörpers betraut wurde. Das Ergebnis ist bekannt: Die Sache konnte nicht funktionierten und ging unschön aus. Unschön ebenso der unerwartet sich in die Länge ziehende Umbau der Rhein-Mosel- Halle. Auf eine verkürzte, wenn auch grandiose, Ausweichsaison in der Sporthalle Oberwerth folgte gezwungenermaßen eine Spielzeit ganz ohne Anrechtskonzerte. Dass sich das Musik-Institut von diesem Schlag nicht nur schnell erholte, sondern mit sogleich wachsenden Abonnentenzahlen und vielen jüngeren Konzertbesuchern regelrecht erblühte, hat nicht zuletzt zu tun mit dem verlässlich hohen Leistungsfundament, das Raiskin mit der Rheinischen Philharmonie erarbeitete – und mit den spannenden Programmen, die er und Olaf Theisen als neuer Intendant des Musik-Instituts auf die Beine stellten.


Warum aber gibt Daniel Raiskin bei einer so positiven Bilanz seinen Job als Chefdirigent in Koblenz überhaupt auf? Hören wir dazu ihn selbst: „Ich bin Pragmatiker und werde lieber vermisst als weggewünscht. Das bringt zwar das Risiko mit sich, dass man vielleicht etwas zu früh geht. Was aber allemal besser ist, als zu spät. Ich hatte das Gefühl, die Zeit sei reif für eine Veränderung, bevor womöglich Umstände eintreten, die das ganze Glück dieser zwölf Jahre verderben könnten.” So gehen wir nun am Mittelrhein in die letzte Konzertsaison unter Raiskins Ägide – mit einem in der Rhein-Mosel-Halle, im Görreshaus und andernorts durchweg hochkarätigen Programm, das volles Register zieht.


Infos: www.rheinische-philharmonie.de



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