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Helden und Legenden von hier und anderswo

Kultursommer Rheinland-Pfalz: Auch 2015 wieder ein Pfeiler der Sommersaison

Von Andreas Pecht

 

Kultursommer Rheinland-PfalzRund 250 Projekte gehen 2015 landesweit zwischen 1. Mai und 3. Oktober wieder unter der Marke „Kultursommer Rheinland-Pfalz” an den Start. Vom gleichnamigen, unter dem Dach des Mainzer Kultusministeriums angesiedelten Verein mit vier Millionen Euro gefördert, mit Rat, Tat und Publizität unterstützt, bilden sie als Flechtwerk kommunaler und regionaler Veranstaltungen das kulturelle/künstlerische Rückgrat der Sommersaison in Rheinland-Pfalz. Wie in jedem Jahr seit der Gründung des Landesfestivals 1992 hat dessen Geschäftsstelle auch heuer ein Jahresmotto ausgegeben. „Helden und Legenden” lautet es diesmal; im Vorjahr hieß es etwa „Mit allen Sinnen”, 2013 „Eurovisionen”, 2012 „Gott und die Welt”. Nicht zwangsweise alle, aber doch sehr viele der jeweils beteiligten Veranstalter und Akteure nehmen die Motti gerne auf als Anregung zu besonderer programmatischer Schwerpunktsetzung bei Theaterproduktionen, Konzerten, Ausstellungen, Performences und anderen Aktivitäten.


Im diesjährigen 24. Kultursommer Rheinland-Pfalz stehen Heldenfiguren und Legenden im Zentrum der Aufmerksamkeit, die mal mehr, mal weniger mit dem Gebiet des Bundeslandes zwischen Südpfalz und Oberwesterwald zu tun haben oder hatten. Kultusministerin Vera Reiß gibt dem Motto bewusst zwei provokante Fragen mit auf den Weg: „Leben wir nicht längst in einer postheroischen Gesellschaft? Und ist für uns eine Legende heute nicht eher das Gegenteil der Wahrheit?” Damit löckt sie den Stachel wider bloß gedankenloses Abfeiern historischer Heroen oder wohlfeile Idyllisierung heimatlicher Geschichten, ermutigt auch zur hintergründigen Aufarbeitung und kritischen Auseinandersetzung mit den vom Jahresmotto aufgerissenen Themenfeldern. Diese diskursive Seite gehört seit seinen Anfängen ebenfalls zum Selbstverständnis des Kultursommers (KuSo) – auch wenn die Anzahl der Veranstalter, die solcherart Anregung tatsächlich mit kritisch-ambitioniertem Verve aufnehmen oft recht überschaubar bleibt.


Gießhalle der Sayner Hütte, auf deren Gelände in diesem Sommer Kunst aus Licht, Klang und Objekten der dortigen Atmosphäre vor 150 Jahren nachspürt. Foto: KuSoBeispiel gebend hat die KuSo-Leitung den australischen Puppenspieler Neville Tranter eigens mit einer entsprechenden Produktion beauftragt. Ergebnis ist das Stück „The King” über Aufstieg und Fall eines Rockstars, das als Prolog zum diesjährigen Kultursommer in Mainz seine Uraufführung erlebt, nach Stationen in Trier und Bad Kreuznach beim offiziellen KuSo-Startwochenende am 8./9. Mai in Bitburg gezeigt wird. Warum eröffnet man das landesweite Kulturfestival ausgerechnet in einer Kleinstadt weit draußen an der eifelanischen Nordwestgrenze von Rheinland-Pfalz? Weil es gute KuSo-Tradition ist, jährlich eine andere Gemeinde in einem anderen Landesteil in den Genuss dieses Events zu bringen. 2014 war es Hachenburg im Westerwald, 2013 Lahnstein am Mittelrhein, 2012 Frankenthal in der Pfalz.


Gemäß dem 2015er Mottos bringen die Burgfestspiele Mayen die örtliche „Genoveva”-Legende als Musical-Uraufführung heraus und stellen mit Peter Schaffers „Amadeus” die Lebenslegende Mozarts auf die Bühne. In den Hunsrück-Gemeinden Simmern und Hottenbach kommen Theaterstücke zur Aufführung über den einstigen Räuber und Mörder Schinderhannes, der zugleich zum Volksheld wurde. In Bacharach am Rhein setzt sich Theater mit dem großen Heinrich Heine und seinem auf eine örtliche Legende zurückgehenden Werk „Der Rabbi von Bacharach” auseinander. Die Kauber Blüchertage feiern einmal mehr mit ihrem alljährlich historischen Fest jenen Generalfeldmarschall, der 1813/14 bei der Verfolgung Napoleons ebendort mit seiner Armee den Rhein überquerte.


Das Kabarettarchiv Mainz schickt ein szenisches Programm anlässlich des 90. Geburtstags des legendären Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch auf Tournee, die u.a. nach Puderbach führt sowie in Bad Ems beim Lahn-Festival „Gegen den Strom” Station macht. Letzteres bespielt nun im vierten Jahr das Lahntal vom Rhein bis in die hessische Nachbarschaft um Limburg mit einem mehrere Dutzend Veranstaltungen umfassenden Mischprogramm von Konzerten und Lesungen über Performences oder philosophische Vorträge bis zu einer Filmmusik-Reihe. Neben Hüsch geht es dort heuer auch um Odysseus und Loreley, um Karl Valentin, Edith Piaf und Sophie Scholl. Die Theater Chawwerusch (Pfalz) und Chapiteau (Taunus) widmen ihre Tourneestücke in diesem Sommer den kleinen Leuten, den Helden des Alltags. Und wer mag, kann mit etwas gutem Willen und zugedrücktem Auge selbst die allerkleinsten Protagonisten dieses Kultursommers dem Jahresmotto zuschlagen: die Plastikfigürchen der Playmobil-Welt als Helden der eigenen kindlichen Vergangenheit respektive der Kinder oder Enkel Gegenwart. Auf der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz ist der 40-jährigen Playmobil-Geschichte eine eigene Ausstellung gewidmet.


Einst am Theater Koblenz engagiert, heute ein Star von Weltformat: Sopranistin Simone Kermes konzertiert beim Rheinvokal-Festival. Foto: Gregor HohenbergSo weit einige Beispiele aus dem Feld derer, die sich direkt mit dem Jahresmotto verbinden lassen. Daneben gehören zum Kultursommer teils seit vielen Jahren etliche örtliche oder regionale Festivals mit Besetzungen von Rang. In der Sparte Musik etwa das Koblenzer Weltmusikfestival Horizonte und das Lahnsteiner Festival Lahneck live. Oder etwas weiter im Westen das sich von der Untermosel bis nach Luxemburg erstreckende Mosel Musik Festival, das von Anfang an dabei war und jetzt 30. Geburtstag feiert. Oder seit 15 Jahren das Mittelrhein Musik Festival. Oder seit zehn Jahren das Gesangskunstfestival Rheinvokal. Oder mit jetzt 35 Jahren auf dem Buckel der Veteran Lahnsteiner Bluesfestival.


Erheblich an Bedeutung gewonnen haben über die Jahre gerade im Norden von Rheinland-Pfalz Literaturfestivals. Das Krimifestival „Tatort Eifel” ist zu einem prominenten Treffpunkt der deutschen Krimiszene avanciert. Verstärkt von sich Reden machen in jüngerer Zeit die 2001 vom Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil in seiner Kindheitsstadt Wissen gegründeten Westerwälder Literaturtage. Vom Land Rheinland-Pfalz unterstützt, hat sich diese Reihe von einer bloß örtlichen Unternehmung zum jetzt drei Landkreise (Altenkirchen, Westerwald, Neuwied) durchziehenden Flächenfestival mit 35 teils sehr prominent besetzten Veranstaltungen in 21 Orten gemausert. Auch wenn sie schon vorbei sind, zum Winterhalbjahr und nicht zum Kultursommer gehören, sind die alljährlichen Koblenzer Literaturtage „Ganz Ohr” doch als Teil des auf erstaunliche Weise erblühten literarischen Veranstaltungslebens im nördlichen Landesteil zu sehen. Unsere kleine Auswahl aus dem KuSo-Programm macht deutlich: Mag der Sommer in Rheinland-Pfalz werden wie er will – Langeweile sollte jedenfalls keine aufkommen.


Das ganze Programm über: www.kultursommer.de



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